Kurzgeschichten
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Kollateralschäden

Sie kommt immer dienstags und dann sitzt sie vor ihm, sie berührt ihn nicht, er berührt sie nicht, schaut sie nicht an, und sie tut so, als würde sie es nicht bemerken, das ist ihr schon früh leicht gefallen, das stelle ich mir zumindest so vor, alles Andere lässt etwas in mir reißen, unreparierbar, tief in den Falten, die eine Seele im Laufe eines Lebens schlagen muss, und statt nach seinem Blick zu fischen sitzt sie da und schaut auf den Tisch oder aus dem Fenster oder auf ihre Hände oder das Strickwerk in ihnen, denn er sagt nichts, nichts mit dem Mund, nichts mit den Händen, nur mit seinen Blicken, die an ihr vorbeigehen und sie doch treffen, wie Streifschüsse, Schüsse aus dem Dunkel, das in ihm herrscht, das zwischen ihnen thront, alt und rechtmäßig und unumrundbar, und so sitzen sie dann da, jeden Dienstag, zwei Stunden lang, nie kürzer aber auch nicht länger, so fest ist die Kette, die sie ein Leben lang umeinander gelegt haben, an der sie zerren, bis dass der Tod euch scheidet, jeden Dienstag, stundenlang, zwei Stunden lang, mein Gott wie viel man tun kann in zwei Stunden, einen Garten umgraben, den Herbstwald einatmen, den Urenkel wieder und wieder von einem Schoß zum anderen taumeln lassen und sich freuen über ihn, mit ihm, für ihn und sich ansehen dabei und spüren, dass das doch alles nicht umsonst war, vielleicht ist es doch nicht umsonst, das alles, was für ein wahnsinniger Gedanke, vielleicht wäre dann ein Leuchten in seinen Augen und [DU KANNST RUHIG FESTER REIBEN] er würde wenigstens fragen, was sie denn wieder strickt, würde fragen, für wen sie es strickt, würde hören wollen von seinem Urenkel, der so ist wie sein Sohn damals war, Nase, Augen, Trotz, Wille, alles da, wie einer dieser Klone aus den Büchern, die du damals so gerne gelesen hast, aber [RUHE JETZT, MARIA] er berührt sie nicht, sie berührt ihn nicht, sie sagen nichts, nichts mit dem Mund, nichts mit den Händen, nur mit ihren Blicken, die den Anderen, die die Anderen treffen wie Streifschüsse, Schüsse aus dem Dunkeln, Schüsse vor denen es kein Entkommen gibt, doch sie schießen nur dienstags aufeinander, vielleicht braucht sie den Montag als Anlauf, manche Dinge kann man nicht einfach so, manche Dinge kann man nur als Teil eines Rituals, das überstanden werden muss, montags anlaufen, dienstags schießen, aushalten, der Rest dann Leben, irgendwie, und wieder von vorn, warum sollen wir es besser haben als die Anderen, Rituale als Gleisbegradigung des Lebens, da darf man nicht nach tieferem Sinn fragen, das habe ich mir schnell abgewöhnt, ich frage die Frau im ersten Zimmer auch nicht, weshalb sie den ganzen Tag das Vater Unser betet, und ich frage sie auch nicht, ob [SCHWESTER, SCHÄMEN SIE SICH DENN AUCH GENUG] es sie schmerzt, sich nicht an alle Zeilen erinnern zu können, stattdessen lasse ich sie das Gebet abbrechen, immer an der gleichen Stelle, es endet stets mit der Schuld, die Vergebung existiert in ihrem Vater Unser nicht mehr, die Versuchung existiert in ihrem Vater Unser nicht mehr, doch jedes Mal wenn sie verstummt und auf die Zeilen wartet, Zeilen, die nie kommen, spreche ich sie still in meinen Gedanken, ich spreche die fehlenden Zeilen in meinen Gedanken, da ist die Vergebung, da ist die Versuchung, die Erlösung und das Böse, es ist alles da, das ist mein Ritual, das ist mein Abschluss den ich für sie erschaffe, den ich für sie überstehe, doch manchmal ertrage ich es nicht, dieses unerbittliche Bitten um Vergebung, diese unnachgiebige Versuchung in meinem Kopf, die Erinnerung an diesen Tag vor langer Zeit, als wir das Vater Unser auswendig aufsagen mussten, die Erinnerung an meine Lehrerin, wie hieß sie nur, Frau Friede, Frau Krieg, eines von beiden, genau weiß ich es nicht mehr, und sie zeigte auf das Mädchen neben mir und es stand auf, die Worte des Gebets liefen ihr wie sinntote Geräusche aus dem Mund, und ich hatte Angst, ich hatte nicht gelernt, ich schaute hoch zum Gesicht des Mädchens, zu ihrem Mund, zu ihren Augen, die unruhig von links nach rechts sprangen, nein, nicht unruhig, sondern systematisch, Mnemotechnik, fast schon in Trance, ich schaute ihren Augen zu wie sie die sinnlosen Wortgeräusche hervorholten, links, rechts, links, rechts, Pupillen wie zu hoch eingestellte Scheibenwischer, links, rechts, dann schaute sie nach vorn, zur Lehrerin, irgendwann, sie hatte die Worte leergeredet, da war das erste Vater Unser meines Lebens zu Ende gegangen und ich hatte doch nichts davon mitbekommen, weil ihre Scheibenwischeraugen jeden Sinn gefressen hatten, und Frau Krieg, so hieß sie, jetzt erinnere ich mich, Frau Krieg nickte und [NÄCHSTER] schaute mich an, und deshalb ertrage ich es heute nicht, dieses unerbittliche Bitten um Vergebung, die dauerhafte Versuchung in meinem Kopf, wenn die Frau im ersten Zimmer diese Geräuschworte aus ihren alten Mund tropfen lässt, und dann gehe ich weg von dieser Frau in diesem Zimmer, ich beeile mich dann, noch mehr als ich es sowieso schon muss, nie genug Zeit zum Waschen, nie genug Zeit zum Anziehen, niemals Zeit zum ruhigen Reden mit den Menschen hier, immer wartet schon der nächste, im Zimmer nebenan, im Zimmer gegenüber, Menschen wie er, der seine Frau nie berührt, den ich aber berühren muss, morgens beim Waschen, der dann nicht schweigt [DU KANNST RUHIG FESTER REIBEN], auch nicht, nachdem er gefallen war, Oberschenkelhälse existieren eben unabhängig von Kieferknochen und Artikulationstrakten, das Sprechen bleibt unbeeinträchtigt, das auffordernde Räuspern ist davon nicht betroffen, dieses Lächeln ist nicht betroffen, dieses Lächeln, diese Fratze, die er mir manchmal entgegenwirft, das schmutzige Russisch, das er sich damals gemerkt hat, das schmutzige Russisch, das mich an ihn ziehen soll, ob ich will oder nicht, das mich an meine Kindheit erinnern soll, an meine Jugend, ob ich es will oder nicht, und dann beeile ich mich, noch mehr als ich es sowieso schon muss, nie genug Zeit zum Waschen, es tut mir leid, nie genug Zeit um nahe an die Menschen herantreten zu können, nie genug Zeit, Gott sei Dank, das darf man alles gar nicht an sich heranlassen, diese Nähe, die die Menschen brauchen, die man geben will, die sie verlangen, weil sie sonst nichts mehr haben, die sie sich einfach nehmen, manchmal, man zerbricht darunter [ZIMMER EINS IST HEUTE NACHT GESTORBEN], man hat ja auch selbst so viel, um das man sich kümmern will, kümmern muss, wo soll man da die Kraft hernehmen für die Einsamkeit der Menschen um sich herum, wo soll man da die Kraft hernehmen für die Einsamkeit in einem selbst, wo soll man da die Kraft hernehmen für die Einsamkeit, die zwischen zwei Menschen herrscht, zwei Menschen, die sich nicht berühren, die sich nichts sagen, nichts mit dem Mund, nichts mit den Händen, nur mit ihren Blicken, doch ihre Streifschüsse treffen dann die Anderen, Kollateralschäden des Dunklen, das zwischen ihnen thront, alt und rechtmäßig und unverwundbar, ein Philosoph sollte mal etwas schreiben über die Unverwundbarkeit dessen, was Menschen voneinander trennt, die Unverwundbarkeit dessen, was sie aneinander kettet, bis dass der Tod sie scheidet, aber das darf man gar nicht an sich heranlassen, man zerbricht darunter, glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede, ich zerbreche jeden Tag, ich zerbreche jetzt gerade, denn es ist Dienstag, sie ist wieder da, sitzt vor ihm, neben ihm, bei ihm, an seinem, auf seinem Bett, sie schaut nicht aus dem Fenster, sie schaut nicht auf ihre Hände, sie schaut ihn an und er sie, sie sagen sich Dinge, nichts mit dem Mund, doch mit den Händen, sie berührt ihn, er berührt sie, sie sagen sich Dinge mit ihren Augen, keine Schüsse aus dem Dunkel heute, keine Kollateralschäden heute, der größtmögliche Schaden ist schon angerichtet, kein Zurücknehmen mehr, er kann nicht mehr sprechen seit heute Nacht, etwas ist geschehen heute Nacht, der Notarzt war da, er kann nur noch schauen und es reicht ihm nicht, er schaut sie an, seine Augen wie Monde, sein Mund eine halbverschüttete Höhle, jetzt, wo er will, kann er nicht mehr, und sie sagt ihm nichts mit dem Mund, nimmt es ihm nicht ab, wo soll die Kraft auch noch herkommen, sie schaut ihn bloß an, lässt ihn alles sagen was er doch nicht mehr kann, tut so, als würde sie es hören wollen, tut so, als würde sie die Kette noch spüren, an der er reißt, stumm und eindringlich und zweidimensional, und so sitzt sie da, doch dann löst sie den Blick, dann löst sie die Hand, ich kann ihn schlucken sehen, sie streicht unsichtbare Dinge von ihrem Rock und steht auf, greift ihren Stock, geht aus dem Zimmer, schaut mich an, lächelt, anders, und ich blicke zur Uhr: zwei Stunden. Nicht länger, nicht kürzer und nie wieder.

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