Sophiaphilie
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Harambe tanzt | Affentod in Prosa

Wenn der Mensch — das Smartphone in der Hand, David Attenboroughs Stimme im Kopf — die Natur so akzeptiert zu haben scheint, wie das Vorabendprogramm sie immer zeigt: wild, frei, rücksichtslos, Hauptsache in HD, und wenn dieser Mensch, der ja eine Brücke zwischen Tier und dem großen Ungewissen sei, dann entsetzt auf das Schauspiel fremder Lebenswirklichkeit starrt; wenn das bedrohliche Wissen um Selbstwirksamkeit des Anderen in Wahrheit das Gespenst ist, vor dem sich etwas sehr Altes im Menschen seit Anbeginn seiner Existenz fürchtet, sich daran erinnert, unvermittelt, und es Homo sapiens mahnend aufzeigt, auf welchem Platz er tatsächlich steht; wenn der Mensch dieses Gespenst also niederdrückt, mit eigener Hand, die aus Zäunen und Stäben und zehnzeiligen Schautafeln — die nichts und damit alles sagen — besteht; wenn er säuberlich zu Quadern geschnittene Obststücke zu Blöcken gefriert und sie ihm — dem Anderen, dem Fremden, das doch niemals zu fremd erscheinen darf — vor die Füße wirft und sich erfreut an der Berechenbarkeit des Handelns, die in Wahrheit die Trübnis der Kapitulation ist; wenn er also vom „sanften Riesen“ sprechen kann, weil er das Tier auf sich selbst herab gezähmt hat, das Leben zensiert, dem Tier jede gelebte Selbstwirksamkeit vorenthält, so lange, bis von dessen Wesen nurmehr ein Mythos, der niemals war und doch immer zusein hat, übrig bleibt, und man zwar schwarze Hände, silbernes Fell, müde Augen erkennen kann, jedoch den Gorilla nicht mehr; wenn also diese Lebenswirklichkeit ein Geheimnis bleiben muss, so sehr, dass das Tier seine Natur irgendwann selbst vergisst, dieses dunkle Wollen, diese Versunkenheit in fokussierte Intensität, die Kant als Stimme Gottes bezeichnete und die wir heute Instinkt nennen und selbst verleugnen; wenn dann also eine Mutter endlich sagt, „Komm, Kind, wir gehen in den Zoo“ und das Kind sich freut; wenn sie, wie zu erwarten, am Gefängnis dieser sanften Riesen stehenbleibt und das Smartphone zückt, um es festzuhalten, das perfekte Foto von Harambe, dem eindrucksvollen Silberrücken, der gerade das siebzehnte Jahr seines betäubten Daseins erlebt; wenn sich dabei nun der kleine Sohn, von der inneren Stimme des Wissenwollens getrieben und nur einen Augenblick lang unbeaufsichtigt, so wie es jedes Kind fast täglich ein Mal ist, über die zu niedrige Brüstung schwingt und hinabstürzt zu Harambe, dem Silberrücken, der noch nie wirklich das sein durfte, was er eigentlich ist, zu Harambe, der nun also hingeht zu dem kleinen Kind, das da sitzt und weint, zu Harambe, der dann aufschaut in die verheißungsvolle Unruhe und sie dann plötzlich hervorblitzen sieht, eine Welt hinter den Stäben, zum ersten Mal; 

❝Wenn wir einem Blitz beiwohnen, ist er das Herz der Ewigkeit.❞
René Char

wenn er dann spürt wie Shiva tief Luft holt in ihm, mit ihm tanzen will, und wenn der Mensch, der den Affekt aus sich selbst herausgezähmt hat und sich damit brüstet, von Göttern nichts zu wissen, wenn nun dieser Mensch mit weit aufgerissenen Augen auf diese fremde Wirklichkeit, die sich nun Bahn bricht, blickt, auf diesen Tanz von Kraft um diese Mitte, aus der Shiva, Gott des Werdens, Gott des Zerstörens, sich dreckverschmiert und johlend aus der Erde gräbt, diese Mitte, in der der Mensch den Tod schon sieht und in der doch nichts als das Leben steht — dann ist er gekommen, dieser ewige Augenblick, in dem sich das Tier endlich seiner selbst erinnert und sich in unaufhaltsamer, unendlicher Lebendigkeit zu seiner wahren Gestalt erhebt.

Der dramatische Effekt wird übrigens gerne dadurch verstärkt, dass man das unmaskierte Leben in dem Augenblick, wenn es sich zeigt, endgültig auslöscht. Zu denken, man hätte Shivas Tanz damit beendet, wäre allerdings ein Trugschluss, denn schon die alten Inder wussten: Shiva tanzt seit Ewigkeiten — und wenn er einmal tanzt, dann tanzt er bis zum Ende. 

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