Über die Unschuld

„Hier jetzt rein?“, ruft der somalische Junge und fällt dabei fast vom Fahrrad. Sein kleiner Bruder lässt die Füße schleifen, und die beiden afghanischen Jungen kommen mit drehenden Pedalen zum Stehen.
„Nein, noch eine weiter“, ruft eine große blonde Frau, die hinter ihnen geht und mich an meine Lieblingslehrerin erinnert; sie ist auch mehr geschritten als gegangen, früher, in der großen Pause, immer alles im Blick und doch irgendwie unsichtbar.
„Noch eins weiter!“, wiederholt es der somalische Junge, der das Kinderchaos eindeutig anzuführen scheint, laut für alle und dreht sich zu seinem kleinen Bruder, der sich auf seinem Pucky-Rad erneut entschlossen nach vorne schiebt. Sie wechseln Worte in ihrer Muttersprache, und man muss sie gar nicht verstehen können um zu wissen, was sie sagen; kleine Jungen, die steile Straßen auf dem Rad hochfahren, sagen immer das Gleiche, wie eine universale Konstante.
Der kleine Pulk radelt schwer atmend an mir vorbei, und ich muss ein wenig lächeln — als mich der Blick der blonden Frau trifft, die so groß ist, dass sie nur zu schreiten braucht und trotzdem schnell genug ist. Da fühle ich ihn, den Kloß im Hals, und bleibe stehen.

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, in dem ich meine Unschuld verlor. Nein, nicht diese vollkommen wertlose, kulturell überhöhte Unschuld. Die andere, echte.
Es war Februar, kalt, ich war acht Jahre alt und auf dem Weg zur Schule. Damals stand noch die kleine Turnhalle, daneben lag der immer irgendwie verratzte Sportplatz. Um das Schulgebäude vom Bürgersteig aus sehen zu können, musste man an der Turnhalle vorbeischauen, durch den Maschendrahtzaun, in den viele Generationen von Schülern große Löcher gebogen hatten und der das gesamte Schulgelände umgab. Ich war diesen Weg schon zwei Jahre gegangen, jeden Tag, doch die Menschen in den gestreiften Jacken und zerrissenen Hosen sah ich erst an jenem Morgen, hinter diesem Zaun. Dabei waren sie gar nicht wirklich da, das wusste ich. Es war einfach nur der Moment gekommen, in dem ich zum ersten Mal begriff, was diese Bilder im Fernsehen tatsächlich zeigten, was dieses eigenartige Wort bedeutet: Auschwitz.
Ich erinnere mich sehr genau an diesen Moment. Manchmal frage ich mich, welches Bild ich abgeliefert haben muss, als ich da ganz still auf dem Bürgersteig stand, meinen roten Scout-Ranzen mit den Malstiften, Heften und Pausenbroten auf dem Rücken. Was macht das dicke Kind da, wird sich vielleicht jemand gefragt haben, hat es was vergessen? Aber ich hatte nichts vergessen, sondern es war der Moment, nach dem alles anders wurde; der Moment, in dem ich begriff, wozu Menschen in der Lage sind. Ich denke noch heute oft an diesen Augenblick.

Meine Freundin sagte einmal, sie könne nur kleinen Kindern wirklich tief in die Augen sehen. In ihren Blicken, erklärte sie, sähe man die pure Unschuld; da sei nichts, was sie verstecken wollten, verstecken könnten. Keine Metaebene. Kein Subtext. Keine Maske, hinter die man blicken und dann zurückschrecken könnte, weil man Dinge sieht, die man nicht kennen will. Dinge, die man nicht erträgt. Haben Sie schon einmal in die Augen einer Mutter gesehen, die ihr Kind verloren hat? Diese Dinge meine ich. Das Leben. Es bleibt da, in den Augen, für immer, für jeden sichtbar, der den Blick wirklich wagt. Wagt man es zu oft, dann nimmt man einen Teil mit, es wird Teil des eigenen Blicks, färbt das Denken, das Empfinden, die Welt. Das Deutsche hat sogar ein eigenes Wort dafür: Weltschmerz.
Meine Freundin hat recht. In den Augen ihres Babys kann man sich verlieren. Und es fixiert den Blick, so als würde es auch eintauchen wollen, eintauchen müssen, als wolle es nach etwas suchen, und ein Teil von mir will es auch zulassen. Doch ich wende den Blick ab, immer, irgendwann. Aus Angst, dass es etwas in meinen Augen entdeckt, das es noch nicht sehen, noch nicht kennen soll. Enttäuschung, Wut, Berechnung, Manipulation, Trauer, Selbstzweifel. Angst.
Kein Kind sollte wissen, was wirkliche Angst ist. Weder vor Menschen noch vor Dingen. Kein Kind sollte wissen, was ein Maschinengewehr ist oder eine Drohne oder eine Bombe. Kein Kind sollte wissen, wozu Menschen in der Lage sind. Und doch gibt es sie, diese Kinder, und sie fahren auf kleinen gespendeten Fahrrädern an uns vorbei, auf dem Bürgersteig, mit Helm und ehrenamtlicher Betreuung, wie es sich gehört in Deutschland, und ich weiß nicht, ob wir wirklich eine Vorstellung davon haben, was diese kleinen Menschen schon alles wissen, was sie schon gesehen haben.
Es fällt mir schwer zu verstehen, dass es Kinder gibt, die wissen wie es klingt, wenn ihre Eltern in Todesangst atmen.
Es fällt mir schwer zu verstehen, dass es Kinder gibt, die wissen wie es sich anfühlt, wenn die Bombe einschlägt und keine Zeit blieb, das Haustier zu retten.
Es fällt mir schwer zu verstehen, dass es Kinder gibt, die das Gefühl kennen, wenn man sieht, wie der tote Vater langsam vom Sand der Sahara bedeckt wird.
Es fällt mir schwer zu verstehen, dass es Kinder gibt, die ihre eigenen Namen aus Draht biegen und als Anhänger um den Hals tragen, weil sie gesehen haben, dass man einen Menschen nicht mehr erkennen kann, wenn er verbrannt ist.
Es fällt mir schwer zu verstehen, dass manche Kinder schon ein ganzes Leben in ihren Blicken tragen, und es ist mir unmöglich, den Gedanken zu ertragen, dass diese Kinder, die nun unsere Sprache lernen, das hätten lesen können, was ich vor genau einem Monat von einem Ampelpfosten entfernt habe. Wenn ich ihn ansehe, diesen Aufkleber, der noch immer auf meinem Küchentisch liegt, bin ich wieder acht Jahre alt, stehe still auf dem Bürgersteig und schaue zu den stummen Gestalten hinter dem Zaun, der meine Schule umgibt.
Manche Dinge verlieren ihren Schrecken nie. Manche Dinge werde ich nie ganz verstehen.

„Jetzt rechts rein“, ruft die große blonde Frau, als sie fast auf einer Höhe mit mir ist. Im Gegensatz zu mir schaut sie mich an, seit sich unsere Blicke das erste Mal getroffen haben. Sie schaut mich an, als ich an den namenlosen jungen Mann aus Eritrea denke, der nicht schwimmen konnte und doch eines Tages einfach in den Rhein gestiegen ist. Sie schaut mich an, als ich das Bild des Mannes vor mir sehe, der sich aus Verzweiflung selbst angezündet hat. Sie schaut mich an, als ich an den kleinen afghanischen Jungen denke, der ein Bild gemalt hat vom leeren Benzintank des Lasters, in dem er und sein Onkel fast erstickt sind. Sie schaut mich an, als ich an das somalische Mädchen denke, daran, wie sie erzählt, dass der versprochene Laster nicht kam und die Sahara ihren Onkel einfach zudeckte. Langsam. Erst die Beine, dann den Rücken und die Arme. Dann das Gesicht.
An all das denke ich, und ich kann nicht hinsehen, als das laute Kinderchaos auf altersgerechten Fahrrädern an mir vorbei zieht; ich bleibe stehen und drehe mich weg, schaue zu den Baustellen der Häuser, die auf der anderen Straßenseite gebaut werden, obwohl sie mich nicht interessieren, sehe die Worte des Aufklebers vor mir, Auschwitz – Refugees welcome – Die Öfen sind an, die ganze Zeit und bin wieder acht Jahre alt; dann die Bilder, die Zahlen, Hunderte Tote im Mittelmeer an einem einzigen Tag, Schwimmwesten im Meer, der kleine Aylan am Strand, durchnässte Säuglinge in Wärmedecken, deren Augen so groß sind, dass man denken könnte, sie würden sie nie wieder wirklich schließen können, Namensschilder aus Draht, das kleine Mädchen, das in die Mündung des Maschinengewehrs schaut, das in Wahrheit eine Kamera ist, sie es aber nicht besser weiß und die Arme ängstlich hebt, und ich mir wieder denke, dass wir sie durch den Lauf einer Waffe sehen, eigentlich, in ihrer Welt — und während ich all das denke, spüre ich den Blick der blonden Frau auf mir, und er erwartet, dass ich erwachsen bin und ihm begegne, und ich nehme mich zusammen, drei, zwei, eins, und drehe endlich den Kopf, gerade noch, als sie an mir vorbei schreitet, und ich muss nach oben schauen, so groß ist sie, oder so klein bin ich, das weiß ich gerade nicht, und ihr trauriger Blick sagt die Worte, vor denen ich am meisten Angst habe, weil sie immer wahr sein, weil ich immer schuldig sein werde, weil ich ihnen nicht entkommen kann, und sie lauten: Du hast den Kindern noch nicht einmal in die Augen gesehen.

75 Antworten zu „Über die Unschuld“

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