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Über eine Soziologie des Vorübergehens

Die Welt, 2015, 2016, 2000irgendwas. Distrophierte, nackte Unterschenkel. Hautkrankheiten. Kurzgesagt: die neue, aggressive Sprache des Bettelns. Dunkle Augen an Körpern, deren ausgestreckte Gliedmaßen, die ihre Funktion schon vor langer Zeit eingebüßt haben müssen, jeden Schaufensterbummel oder sonstigen Konsumschub zum Hürdenlauf der Schritte und Blicke machen. Bloß nicht hinschauen; treffen sich die Blicke, hat man verloren.

Den ganzen Tag, auf den Knien (oder das, was davon noch übrig ist), vor C&A oder Penny oder der großen Buchhandlung, die inzwischen auch von Amazon plattgemacht wurde, und wenn zu wenig Platz ist zwischen schweigendem Bettler und dm-Eingang, dann geht man halt rein und kauft sich etwas, wie wäre es mit diesem schlecht bemalten, unnötigen Weihnachtsmann aus Gips, preisreduziert weil schon wieder bald Ostern, oder einem Duschgel, irgendwas mit vegan (wegen Tierleid) oder mystischem Patchouli, egal, Duschgel braucht man immer, und, dem Herrgott sei Dank, der Ausgang ist dann auch zehn Meter weiter, den Umweg ums Elend gibt es gratis dazu, das wusste man ja schon beim Reingehen, und das für läppische 0,69€, vielleicht auch 2,99€, je nachdem, ob man Billiglöhne in der Dritten Welt unterstützt oder nicht.

Dann sprintet man weiter, weil (falls einer fragt) der Bus oder die Bahn immer irgendwie gleich fährt, und unterwegs denkt man an die gute alte Zeit, an damals, als man noch nicht alt und McDonalds der feuchte Traum des Großstadtlebens war, und der Vater einen deshalb ab und zu in den einzigen BurgerKing schleuste. Damals, als die Pioniere der hardcore-bettelnden Zunft zwar auch nicht wirklich Deutsch sprachen, aber zumindest noch laufen können durften (das lockt heute anscheinend keinen müden Hund mehr hinter dem Ofen hervor), und man da eben ab und zu saß, einen gemäßigten Berg Fette, Kohlenhydrate, Salz und Styropor vor sich, die Tür aufging, eine Frau herein kam, mit Kopftuch (Warum tragen die noch immer Kopftuch?, fragt man sich heute, zusätzlich zur ungeklärten Sache mit den unzumutbaren Unterschenkeln), die dann stehenblieb und nach Geld fragte, und zwar genau an dem Tisch, an dem man mit der Schwester, der Mutter und dem unbesiegbaren Vater saß. Doch statt Geld gab ihr der Vater einen Fischburger, den die Frau dann in einer Ecke verschlang, und man wusste zwar, dass man nicht starren durfte, aber man musste doch, so von innen heraus, man war ja ein Kind, und Kinder sind ja immer etwas zu schnell betroffen. Wie schnell manche Menschen essen können, dachte man und erinnert sich, wie man den Vater, der nun aufrechter saß als zuvor, fragte, weshalb diese Frau so schnell aß und vor allem: dauernd in Richtung Eingang schaute. Ihr Kopf zuckte wie das eines Rehs, das ein verdächtiges Geräusch hört. Hunger, sagte der Vater, doch er log oder wusste die Wahrheit nicht oder kümmerte sich nicht oder war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, denn er hatte etwas Gutes getan, er hatte einen hungrigen Menschen gefüttert, und alle hatten es gesehen. (Und wir wissen inzwischen: Nichts toppt eine gute Tat, die alle sehen, und wenn es keiner gesehen hat, dann postet man es eben auf Facebook. Oder erfindet es einfach und postet es dann. Like! Dir und drei anderen gefällt das.) 

Heute ist man erwachsen, man weiß zwar irgendwie noch immer nichts und gleichzeitig eine ganze Menge, zum Beispiel, dass man in dem Moment, in dem man etwas Gutes tut, seine Schuldigkeit auch schon getan hat. Es gibt keine Realität, Konsequenz oder Verpflichtung, die nach der guten Tat folgen müsste; nichts, was die gute Tat erst notwendig machte. Zumindest nichts, was uns interessieren bräuchte. Live for the moment.

Doch das war damals. Bitte, bitte, sagen die Gliedmaßenvonsichstrecker heute, oder: Nur für meine Kinder. Oh Gott, Kinder, denkt man dann, das geht gar nicht, denkt man (aus moralischen Sicherheitsgründen) noch hinzu und wird wütend, flüchtet, und ist dann spürbar erleichtert, wenn 100 Meter weiter einer sitzt, wie es sich gehört: voll angekleidet, dreckiger Rucksack, gerne auch eine Flasche Bier oder billigen Korn neben sich, obligatorischer Hund. Kein Schild, (und wenn, dann halbwegs rechtschreibfehlerfrei und mit vollständigen Sätzen), kein Mucks. Doppelte Fahne oder auch keine. Egal. Erträglich, weil still. Würdevoll, weil mit Absicht leicht übersehbar. An Abwesenheit grenzende Anwesenheit am Straßenrand, gerne an einem Billigbäcker, mit passivster Hoffnung auf eine Münze. Das ist deutsch, das ist devot, so geht kulturadäquates Betteln im Abendland, denken wir, halb bewusst, halb unbewusst, und dann heißt es: Hier hast du einen Kaffee, oder einen Euro, oder eine Dose Hundefutter, und der immer knopfäugige Canus Obligatus fixiert die Pommes, die man in der Hand hält, während man umständlich nach Kleingeld kramt, das dann in den Becher fliegt, als Belohnung dafür, dass die guten, alten Regeln des Bettelns eingehalten werden: still, dankbar, mit intakten Extremitäten. Vielleicht wechselt man sogar noch einen oder zwei Sätze mit diesem Mann, es sind ja meistens Männer, die da so sitzen, diese Selbstverständlichkeit einer empfangenden Anspruchshaltung geziemt sich für Frauen nicht, ihnen fliegt das Geld nicht einfach zu. Nie. Frauen laufen herum und fragen nach einer Münze für die Busfahrkarte, immer der gleiche Spruch, jahrelang; Frauen schieben Einkaufswagen voller gesammelter, stinkender, unnützer Habseligkeiten vor sich her, denn sie müssen etwas vorweisen. Frauen stehen nicht still, sie sitzen nicht einfach so da und halten die bechergewordene Hand auf. Sie müssen etwas tun für ihr Geld, mehr als Männer, das ist schon bei den Top-Managern so, weshalb sollte das hier anders sein; sie müssen mindestens herumlaufen, vielleicht auch noch schimpfen und am Besten gleich so erscheinen, als bräuchten sie es gar nicht, dieses Geld, als seien sie bloß irgendwie irre oder — historisch adäquat — hysterisch, mit wandernder Gebärmutter, Gezeter und allem, was zu einer glaubwürdig irren Frau dazugehört, bis heute. Und das auch noch alles ohne Hund. 

An all das denkt man, während man die Münze in den Becher des Hundeherrchens wirft, und mit seinem Danke und den ersten Schritten in Richtung des bestimmt irgendwo gleich abfahrenden Busses kommt die Erinnerung an diese Frau, die jahrzehntelang auch nie stillgestanden, mit ihren vollgeschissenen Hosen nicht nur einen EC-Automatenraum auf lange Zeit unbetretbar vollgestunken hat, und die jetzt tot ist. Schon länger. An irgendwas Straßenmäßigem gestorben. EIN WAHRZEICHEN UNSERER STADT IST VON UNS GEGANGEN, hatten die Tageszeitungen damals getitelt, wie sie hieß, das wussten sie jedoch nicht, und wie unwürdig war das denn, erst so zu stinken und dann auch noch namenlos zu sterben? 

So wenig kümmern die Anderen die Menschen um sie herum, dachte man sich damals, aber ich bin anders, sagte man sich (und jetzt denke ich wieder an den Mann vom letzten Winter, als ich auf den verschneiten Steinstufen saß und vor mich hin dachte, den Mann, den ich schon gerochen hatte, bevor er etwas sagte, der nach meinem Namen fragte, ich jedoch nicht antwortete, den Mann, der dann in seinen schmuddeligen Rucksack griff, mir drei Eukalyptusbonbons gab und, „Hier, damit du dich nicht erkältest“, sagte und ging) und jetzt denkt man an die Münze, die man eben ach so selbstlos gegeben hat, und in diesem Moment merkt man, dass man diesen hageren Mann, der noch versucht hat, mit einem zu reden, den man dann aber doch abwimmeln konnte, dass man ihn wieder nicht nach seinem Namen gefragt hat, und dann geht man kurz langsamer und redet sich ein, dass man es das nächste Mal tun wird, ganz bestimmt, doch dann schmecken die Pommes nicht mehr, weil man es besser weiß, und dann wird man leer, irgendwie, und man will weg, weg von dem Mann, weg von den Unterschenkeln, weg von sich selbst, man versucht, so schnell zu gehen, wie doch kein Mensch jemals gehen kann — aber es fährt kein Bus, kein Zug, nichts, was einen irgendwohin bringen könnte, wo man nicht selbst schon vor langer Zeit angekommen wäre.

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