Über
Schreibe einen Kommentar

Über die Trauer

Ich habe ein Geheimnis. Ich mache heimlich Fotos von Menschen, die sich sehr nahestehen. Doch ich mache sie nicht bloß, weil ich es schön finde, diese Nähe zu dokumentieren, ich bin weder Wissenschaftler noch Fotograf. Diese Nähe geht mich ja gar nichts an. Ich mache sie, damit ich sie denen, die zurückbleiben, geben kann, nach dem Tod. Ich war schon immer etwas eigenartig.

Die Nähe, die ich suche, ist selten. So selten, dass ich bis heute nur drei Fotos habe. Ich tue das, seit ich etwa zwanzig Jahre alt bin. In diesen zwanzig Jahren habe ich eins gelernt: Es gibt einen Preis, den man zahlt, wenn man die Kamera zückt, anstatt diesen intimen Moment einfach in sich aufzusaugen, ungefiltert, denn diese Momente, die Gefühle, sind wie ein Elixir, das einem selbst Kraft gibt und Hoffnung. Manchmal frage ich mich selbst, warum ich das tue, warum ich mir das verwehre, doch dann schaue ich mir dieses eine Foto an, das ich vor Jahren gemacht habe, und ich weiß, dass der Verzicht zurückgezahlt werden wird, still und tausendfach, im Herzen des einen Menschen auf diesem Foto. Deshalb tue ich es.

Die Nähe, die ich suche, die wir alle brauchen, ist selten. Menschen zeigen Nähe nicht gerne, nicht die wahre. Sie wird immer angepasst und auf die Umstände, die Anwesenden, zurechtgestutzt, dramaturgisch durchgearbeitet; ein unausgesprochenes Gesetz sagt, dass man nie verletzlich sein darf. Das fällt mir schwerer, je älter ich werde. Die Nähe, die ich finde, ist deshalb oft codiert, und es gibt so viele Codes wie es Menschen gibt. So kniete sich mein Vater immer vor seine Mutter, küsste ihr die Hand und führte dann ihren Handrücken an seine Stirn. Wenn ich an meinen Vater und meine Großmutter denke, habe ich immer dieses Bild vor Augen, diesen hochritualisierten Vorgang im kretischen Bergdorf, und doch war dieser Moment immer so intim, dass ich den Blick senken musste. Bis heute weiß ich nicht, wie lange er die Hand dort hielt, dabei interessierte es mich sehr. Ich wünschte, ich hätte ein Foto von diesem Moment, aber ich war und bin nicht sehr mutig, und mit dem Tod meiner Großmutter wird dieses Bild immer Erinnerung bleiben müssen. Ich kann es meinem Vater nicht geben; er wird es nicht anschauen und wieder fühlen können, was er in jenen Augenblicken spürte. 

Ich weiß nicht, wie das geht: Trauer. Wer weiß das schon. Wir alle leben zum ersten Mal. Die einen werden erstaunlich laut, die anderen erstaunlich leise. Ich werde weder über die einen noch die anderen urteilen. Jeder hat seinen Grund, weshalb er so ist wie er ist. Ich zum Beispiel habe Angst vor der Trauer des Anderen, das weiß ich jetzt. Als meine Großmutter starb, bin ich nicht zu meinem Vater gegangen. Aus Angst, unter seiner Trauer zu zerbrechen. Doch ich habe ihm eines der heimlichen Fotos, das ich vor fast zwanzig Jahren gemacht habe, mein erstes, vor seine Haustür gelegt. Ich habe es am Tag, bevor meine Großmutter starb, herausgesucht, ich weiß nicht, warum.
Jetzt habe ich noch zwei Fotos übrig, aber das ist eigentlich viel; was ich suche, ist selten.

Was sagst Du dazu?