Über
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Über das Schreiben

I

ch wüsste gerne, wie es geht, das Schreiben.
Ich glaube, das Wichtigste ist, nicht sofort los zu schreiben, sondern zu warten, auch, wenn es schwer fällt. Darauf, was der Gedanke, der dahinter steht, mit dir macht. Darauf, ob er überhaupt noch etwas anderes macht, außer Angst, Wut oder Traurigkeit. Darauf, dass er dir seine Sprache gibt.

Ich finde, den Gedanken zuzuhören gehört zu den schwersten Dingen überhaupt, weil man immer schon meint, zu wissen, was sie sagen wollen. So laut ist man selbst. Das ist aber nicht so. Es war nie so. Der Gedanke, den man unmittelbar niederschreibt, wird immer der Gedanke sein, den man bereut, weil er nur die Spitze eines Eisberges ist, sein kann. Ein Gedanke hat ein Eigenleben. Man kann ihn beobachten wie einen Menschen, ihm zuschauen, wie er sich verhält. Gedanken atmen, haben Farben. Sie können sein wie der Hund, der aus Furcht eng am Boden kriecht, so dass man das Weiße in seinen Augen sieht, wenn er ängstlich nach oben schaut. Sie können aber auch der Fels in der Brandung sein. Der Fels gibt Sicherheit. Ich kann auf ihm stehen, während um mich herum die Brandung tost, und nichts kann mir passieren. Doch fast alle Felsgedanken meines Lebens haben sich als brüchiger Sandstein herausgestellt, und ich bin mehr als ein Mal fast ertrunken, weil ich sie nicht so geprüft habe, wie ich es hätte tun sollen.
Ich will meine Felsgedanken finden. Je älter ich werde, desto strenger und unnachgiebiger werde ich mit mir. Das ist anstrengend, manchmal sehr, und vielleicht nicht nur für mich. Der Preis jedoch, den ich dafür bekomme, ist das alles wert und noch mehr: Bilder, filigran und organisch, die ich betrachten, beschreiben kann. Diese Bilder sind mein Geländer, an denen entlang ich meine Gefühle denken kann. Die Alternative ist schreiendes Gefühlschaos, Herzklopfen, Angst. Ich weiß nicht, wie man bilderlos fühlen kann. Ich stelle mir Menschen oft so vor, als hätten sie bei Windstärke 9 einen offenen Schirm und einen Fotoapparat in der gleichen Hand. Und sie versuchen dann, Fotos zu machen. Die Fotos werden immer unscharf sein. So stelle ich mir das Fühlen, das Denken ohne Bilder vor.
Um diese Bilder zu finden, muss ich manche Dinge tun und andere lassen; Gedanken sind sehr wählerisch. Und um die Bilder am Ende in meinem Gefühl zu verankern, muss ich sie im wahrsten Sinne des Wortes — festschreiben.
Und das geht so:

 

Frage dich zuerst, was du dabei fühlst, und versuche, es zu umschreiben. Wonach schmeckt es?
Welche Musik hörst du, wenn der Gedanke kommt?
Gibt es eine Stimme, die dagegen spricht? Wenn ja, finde sie und höre ihr zu. Wenn nicht, hinterfrage dich doppelt.
Streite.
Trinke Kaffee.
Rede über andere Dinge.
Streichle Hunde.
Tritt der Gedanke hinter den Alltag zurück? Wenn ja, wohin geht er, wer hat ihn mitgenommen? Wenn nicht, wie färbt er die Welt?
Zeichne ihn. Achte darauf, welche Mittel er verlangt. Will er Kohle? Pastell? Graphit? Warum? Warum nicht?
Schmeiß’ den Gedanken an die Wand. Fang ihn wieder auf, wenn du kannst.
Schau ihn dir an, in den Gesichtern der Anderen, wenn du davon sprichst. Können sie ihn sehen? Wenn ja, finde dich in ihnen wieder, ruh dich kurz aus. Wenn nicht, höre, was sie nicht sagen.
Achte auf die Sprache deines Denkens.
Erschmecke die Worte.
Schreien sie? Wenn ja: Warte. Den Schreienden hört keiner.
Lächle den Menschen zu.
Schau’ aus dem Fenster.
Tanze.
Mach’ Liebe, wenn du kannst.
Schmecke den Gedanken am nächsten, übernächsten Morgen. Ist er noch derselbe? Wenn nicht, was war an deinem Gestern, deinem Vorgestern, deinem Früher so anders?

Fühle dich.
Atme.
Finde nun den Ort, an dem der Gedanke dir seine Bilder zeigen kann — und dann schau hin. Hab keine Angst mehr.
Schreib.

Nachtrag: Dieser Text war als kurzer Zwischentext, eine Art Notiz, geplant. Nun saß ich so lange daran, dass mir mit einem Lächeln nur Folgendes zu sagen bleibt:

Q. e. d.

Beim Schreiben dieses Textes habe ich, wie immer, Musik gehört.  Es ist mir unmöglich, sie selbst auszuwählen. Der Gedanke, das Thema, macht das. Manchmal meine ich, die Musik aus einem Text herauslesen zu können, so stark ist der Einfluss.
Der Text hier wollte Hans Zimmers Interstellar–Soundtrack hören. Der Großteil ist unter einem Dauerloop des Titels Mountains entstanden.

4 Kommentare

    • Irini Stivaktakis sagt

      Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich kann auch nicht einfach Danke sagen, weil es mir schwerfällt, das zu glauben. Du schreibst selbst, deshalb weißt du vielleicht, was ich meine.

    • Irini Stivaktakis sagt

      Wenn nicht nur ich von dem, was ich schreibe, etwas habe, finde ich es nur noch schöner. Danke.

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