Sophiaphilie
Schreibe einen Kommentar

Nein | Ein ekstatischer Vortrag

Zu manchen Menschen kommt ein Tag,
der darauf dringt, das große Ja oder das große Nein
zu wählen. Und sogleich wird sichtbar sein,
wer Ja im Innern barg, und da er’s sagt,

zieht er dahin in Ehre und nach seiner Überzeugung.
Den Neinsager reut nichts. Denn wiederholte man die Frage,
er wiederholte auch das Nein. Und doch vernichtet
dies Nein ‑ das aufrechte ‑ zugleich sein ganzes Sein.

- K. P. Kavafis

 

Das sei doch schön, sagt die Arbeitsvermittlerin und lacht dabei das geübte Lächeln einer Mutter, deren viertes Kind nun endlich auch das erste, unvermeidliche Spaghettibild zusammengeklebt hat, ob ich denn schon wüsste, wo ich das Studium abschließen möchte, fragt sie dann und wartet meine Antwort ab, professionell und gefasst, im Wissen, was sie nun gleich wird sagen müssen, aber das ahne ich da noch nicht, denn der Weg zum Ziel liegt zu diesem Zeitpunkt wieder zum Greifen nah, Teilzeit und Studium, simpel und verlockend, doch dann hebt sie zum Sprechen an, und der Anschein der Machbarkeit verwandelt sich in bloßen Schein, in einem Atemzug, denn: Nein, nach einer Teilzeitbeschäftigung könne ich nicht suchen, es sei denn, ich wolle, dass das Geld, das ja so schon nicht reiche, gekürzt würde, und ich stutze und frage, wie das denn dann jemals gehen solle, wie ich denn so rauskommen soll aus diesem System und dem Gebremstwerden, ich würde bald vierzig, die Zeit laufe mir langsam davon, doch die Zwanzigjährige lächelt weiter ihr Spaghetti-Lächeln, machen Sie sich keine Gedanken, wir finden eine Vollzeitstelle und dann vereinbaren Sie eine Stundenreduktion, und dann klappt das auch endlich mit dem Studieren, nicht wahr, hier, wie wäre das, Bad Kreuznach, Fitness-Discounter, Vierzigstundenwoche, Montag bis Sonntag, neun bis zwonzwanzig Uhr, und eingewilligt, eventuell umziehen zu müssen, haben Sie ja, das klingt doch ganz gut, dann können Sie sich auch wieder mal was leisten, das wäre doch was für Sie, Sie können doch Aerobic?, und da ist es plötzlich wieder kurz, für einen Atemzug: das Gefühl, an irgendeinem Punkt meines Lebens vielleicht doch die falsche Abzweigung genommen zu haben, und ich höre meinen Kollegen, wie er immer sagte, Mensch, scheiß’ auf Sinn, denk’ an das Geld; ich höre meinen Vater, wie er sagt, Tochter, wir alle sind Teil des Systems, ich höre, wie seine Stimme dabei fast unhörbar bricht; und dann schaue ich sie an, die junge Frau, die da vor mir sitzt, mir zur Begrüßung die Hand nicht gab, der Keime wegen, die sich nicht vorgestellt hat, die nichts weiß, nichts wissen kann, wissen will, von mir, von ihr, von allem, und die nun vorgeben darf, wie das Leben der Kundennummer, der Zahl, die ich bin, zu verlaufen hat, und da explodiert es wieder in mir, das Nein, so groß, so lautlos, ich muss schlucken und dann ist es auch schon vorbei, und ich sitze in einem der Busse, die so voll sind von Menschen, von denen ich mich immer frage, wohin sie bloß alle wollen, und dann stehe ich im Wohnzimmer, im Drang der Notizen, der Bilder, der Farben, der Kohle, der Musik und ich sperre die Sonne aus, damit es leise wird, so dass ich mich besser fühlen kann, hören kann, sprechen kann, damit ich nicht explodiere, doch die Welt weiß es besser und befindet wieder, ich sei antriebslos, sie befindet, ich sei depressiv, sie befindet, ich sei so zornig, dagegen müsse ich was tun, aber bitte nur symptomatisch an die Sache ran gehen, am System kannst du nichts ändern, da helfen eben manchmal nur Tabletten, frische Luft tut dir sicher auch gut, da wird der Kopf frei, sagt sie, das hilft beim Sich-fügen, sage ich; denkst du, du seist was Besseres, sagt sie dann, ohne Worte und: Mensch, lass’ doch mal die Sonne rein, fahr’ in Urlaub, Relaxen an der Ostsee, Gleitschirmfliegen in Südafrika, ja, sag ich, Kraft durch Freude, so nannte man das früher, und du verziehst dein Gesicht, und ich kann noch deinen Atem hören, wie er durch deine Zähne zieht, da sagst du schon: dann kauf’ dir doch was Schönes, und übrigens, der Rewe sucht wieder Aushilfen für die Kasse, Obst auffüllen, Pappe ziehen, lächeln, zweite Kasse bitte, Haben Sie eine Payback-Karte?, und was willst du denn eigentlich machen mit deinem Leben, ach, schreiben, ja, ich schau’ mal, ob man eine Schreibkraft sucht, das wäre doch dann was für dich, was soll das heißen, das meinst du nicht, und was soll das heißen, du kannst nicht mehr, wer sagt, er könne nicht, der will bloß nicht, sieh das endlich ein, zumindest putzen kann jeder, ist eine ehrliche Arbeit, nichts für Drückeberger, stell’ dich nicht so an, sieh’ mich an, ich kann das auch, alles, Büro, Fabrik, Werkstatt, seit zwanzig, dreißig, vierzig Jahren, tagaus, tagein, und ich beschwere mich nicht, sagst du und klopfst auf deine Uhr; doch, das tust du, sage ich dann, das tust du, jeden Tag, und ich verstehe es nicht, denn auch du lebst nur ein Mal, und wenn du stirbst, wirst du dich fragen, ob es das jetzt wirklich gewesen sein soll, denn dann ist da nichts außer Ja gesagt und an das Amen geglaubt zu haben, unhinterfragt, bei allem, da ist nichts außer dieser fiktiven Zahl, die einem anderen gehörte und die du größer gemacht hast, da ist nichts außer dem Das-macht-man-so, da ist nichts, was an dich erinnern wird, da ist kein Andenken, nichts Neues, das du in die Welt gebracht hast, kein Gedanke, kein Wort, kein Bild, keine Melodie, an dem sich ein Mensch, den du nie kennen wirst, vielleicht einmal wird festhalten können an einem Punkt seines Lebens, an dem er denkt, er könne nicht mehr, so wie ich jetzt, und gleichzeitig glaubst du, du stehst im Fokus eines Gottes, der dich hört, dich!, lauter als alle anderen, ein Gott, der alles weiß und alles so wollen soll, doch da ist nichts, da sind nur Zahlen, die ein Anderer schreibt, und du betest sie an, die Zahlen, die Anderen, du schaust zu ihnen auf, ganz hoch hebst du deinen Kopf und zeigst dabei doch nur deine Kehle, und ich staune über dich, ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, doch du, du kommst noch nicht mal hinein, du hast keine Ahnung, wovon ich spreche, wenn ich sage, ich kann nicht mehr, du verstehst nicht, was ich meine, wenn ich frage wie du das alles erträgst, denn du weißt nichts davon, tust alles dafür, nichts wissen zu müssen, und wenn es dich doch ein Mal überkommt, wenn du doch ein Mal in Gedanken zu lange hingefühlt hast, dann denkst du schnell weg, atmest schneller und kaufst dir was Schimmerndes, etwas, das betäubt, etwas, das du mit nichts anderem als Lebenszeit bezahlen musst und befindest doch, dass es sich lohnt, dieses Ja, zu allem, weil das Schimmern gleichzeitig ein Vorhang ist, den du zuziehen kannst, denn du willst nicht wissen, du willst nicht sehen, dass der junge Mensch, der in seinem Leben nichts anderes tun wird als unser Plastik, unsere Pappe auf einer Müllkippe herauszufischen, in Nigeria, Ghana, Indien, Rumänien, dass dieser Mensch das Zentrum des Universums ist, wie du, wie ich, wie Milliarden Andere, Milliarden Mittelpunkte, Milliarden Unsterblichkeiten, Milliarden erste, Milliarden letzte Atemzüge, Milliarden Hoffnungen und Fragen und Verzweiflungen, die doch alle gleich sind, gleichwertig, eins, und das überwältigt mich, und ich zeige auf den Menschen im Müll und frage: wie kann das sein, was soll ich nur tun, und dieser Mensch schaut mich an, dieser Mensch schaut dich an, im Wissen seiner Gefangenschaft, Milliarden Blicke, aber du schaust weg, du tust so als könntest du mich nicht hören, tust so als könntest du ihn nicht sehen, und so bleibt mir nur, den Blick alleine zu ertragen, so bleibt mir wieder nur, die richtige Frage alleine zu finden, und manchmal ist es so schwer, nicht aufzugeben: mich, dich, den Jungen im Müll; es ist dann so verlockend, einfach den uralten Vorhang der Privilegierten zuzuziehen, den Scheinwerfer auszurichten, dein Ja zu sagen; dann wirst du vielleicht wütend, oder traurig, oder beides, und rufen: was soll das jetzt heißen, was denkst du eigentlich, wer du bist, so ist es eben, das Schicksal, das Leben! und dich zum Gehen drehen – und da wird mein Denken wieder klar, und ich atme tief ein und nehme dich bei den Schultern und drehe dich um, damit du sie vielleicht doch ein Mal kurz siehst, diese Blicke, wenn ich sage: Nein. Ist es nicht.

Was sagst Du dazu?