Kurzgeschichten
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Manchmal

I

n meinem Beruf bemerke ich den Tod meiner Kunden meist dadurch, dass gewisse Dinge nicht mehr passieren. Erst kommen sie nicht mehr in den Laden. Dann kommen die Geburtstagskarten zurück, mit zittriger Notiz auf dem Umschlag. Adressat verstorben. Fast schon wie eine verquere Art von Meister Eckharts Nicht-Theologie: Dass sie leben, kann ich nie sicher sagen, nur, dass sie es nicht mehr tun. Bei jeder Geburtstagskarte muss ich schlucken, einfach ist das nicht. Aber wenigstens sterben mir die Menschen nicht unter den eigenen Händen weg. Wie meiner Schwester.

Kathrin ist schon immer die Stärkere von uns beiden gewesen. Sie hat die Kontrolle über sich, über alles. Es war irgendwie immer klar, dass ich die mit einem Blumenladen sein werde und sie diejenige, die Leben rettet und sagt, sie müsse nicht mehr weinen, wenn ein Kind stirbt. Auch nicht, wenn es überlebt. “Dafür haben wir keine Zeit”, bellt sie dann fast, und ich weiß nicht, ob ihr bewusst ist, dass ich merke, wie sie schluckt, jedes Mal, wenn sie solche Dinge sagt. Ich glaube, sie weiß auch nicht, wie sanft ihr Blick wird, wenn sie, wie jetzt gerade, von Anna erzählt, die anscheinend sehr nahe am Wasser gebaut ist.

In Kathrins Küche hängt immer ein fader Geruch von Klorix in der Luft. “Vorher ist noch niemand auf die Idee gekommen”, sagt sie, und ich kann plötzlich kleine Fältchen an ihren Augen sehen. Sie schenkt mir Kaffee nach.

“Kokeln die nicht an?”, frage ich und versuche, mir das Bild vorzustellen. Dabei fällt mir auf, dass ich noch nie auf die Lampen auf Station geachtet habe. “Die Laken, mein’ ich”, ergänze ich und nehme vorsichtig einen Schluck Kaffee.

“Wundersamerweise nicht.” Sie setzt sich, streicht eine unsichtbare Tischdecke glatt, schaut mir in die Augen und hebt den Zeigefinger. “Aber der Weise, der darf das nicht mitkriegen. Hat sie sowieso schon auf’m Kieker. Heulsuse nennt er sie, vor versammelter Mannschaft. Ist halt noch jung, die Kleine, da hat man das eben alles noch nich’ so drauf. Und wenn er das mit den Lampen mitkriegt, flippt er aus. Drückt sich selbst aber immer schön an den Leuten vorbei. Als wären die nich’ da. Dafür ist sich der Herr Doktor zu fein. Arsch.”

“Beschweren sich die Angehörigen denn, wenn sie die Lampenkonstruktion sehen?”, frage ich und nehme mir vor, beim nächsten Besuch im Krankenhaus genau auf diese Lampen zu achten.

“Willst du mich verarschen?” Kathrin zieht eine Augenbraue hoch, die linke. Mit der rechten hat sie es nie geschafft. “Würdest du auf sowas achten, wenn da dein Sohn vor dir liegt, der quasi frisch ausm Aurowrack geschnitten wurde?” Ihr scharfes, kurzes Lachen reißt mich aus den Horrorbildern. “Nee, nee, aktiv kriegen die das gar nicht mit. Deswegen macht die Anna das doch. Sie schafft ‘ne gedämpftere Atmosphäre, wie sie immer sagt. Zum Abschiednehmen. Damit die Leute nicht so viel von dem Scheiß drumrum mitbekommen.” Sie starrt vor sich hin, schüttelt sanft den Kopf. “Letztens hat sie einen sogar heimlich in ein freies Zimmer geschoben, wegen dem Chaos vom Drücken im alten. Petra hat den Weise so lange abgelenkt. Hab im Gang gestanden und meinen Augen nicht getraut. Paar Minuten später kamen schon seine Mutter und Schwester. Ganz junger Kerl. Der Weise verdrückt sich bei sowas ja immer ganz schnell, Gott sei Dank eigentlich. Der hat gar nicht gemerkt, dass der Typ jetzt ganz woanders lag.”

Mein Blick ruht auf Kathrin, die gedankenverloren auf ihre Hände schaut. Die Glocke der Schule gegenüber läutet. Es dauert nicht lange, bis die ersten Kinderstimmen zu uns in die Küche dringen. Kathrin geht zum Fenster, das sie selbst im Winter immer gekippt lässt, des Qualms wegen, und schließt es, wie sie es seit 15 Jahren tut.

“Ist kalt draußen”, sagt sie, setzt sich wieder zu mir und zündet sich eine Zigarette an.
“Is’ ja auch Weihnachten morgen”, sage ich und schaue dem Qualm zu, den sie lautlos ausstößt. “Wolltest du nicht mal damit aufhören?”, frage ich. Kathrin fixiert meinen Blick.
“Sag’ mir nicht, was ich zu tun oder zu lassen hab’.”
“Du kochst mir nur noch koffeinfreien Kaffee, nur weil mein Herz mal kurz verrückt gespielt hat, aber ich ich darf mir keine Gedanken um deine Gesundheit machen”, sage ich, mehr zu mir als zu ihr, “das alte Spiel also”, und seufze.
“Ich bin die Ältere. Ich darf das.”
“Ganze zwei Jahre älter. Du hast das halbe Jahrhundert zwar schon voll, aber ich bin dir dicht auf den Fersen.”
“Du kriegst mich nie”, lacht sie, und ich weiß, dass sie weiß, dass das in jeder Hinsicht stimmt. Kein Blumenstrauß der Welt wird jemals ein Menschenleben aufwiegen können.
Sie schaut zur Uhr, dann zu mir.
“Musst bald los, was”, stelle ich fest und Kathrin nickt.
“Ja, will heut’ früher auf Station sein. Hatten gestern ‘nen Scheißtag, glaubste nicht. Anna hat sowas noch nich’ erlebt, sollte auch niemand, aber so isses eben manchmal. Hat mir heute Morgen ‘ne SMS geschickt, will reden, die Süße. Da will ich früher hin.”
Die Süße, wiederhole ich in Gedanken. So hat Kathrin Lena früher immer genannt.
“Was’n passiert? Schlimm?”
Kathrin schaut mich an.
“Bist du sicher, dass du das erträgst?”, fragt sie.
Ich weiß es nicht und antworte trotzdem, “Klar, sag’ schon” und kann mein Schlucken so lange unterdrücken, bis sie kurz auf ihre Zigarettenschachtel schauen muss, um sich eine anzustecken.
“Gut, aber nur kurz.”
Die nächste Zigarette, das Schnippen des Feuerzeugs, der erste Zug und sie beginnt.

Wir gestern, total unterbesetzt, nur Anna, Nicole und ich. Weise nicht da, keine Ahnung, wo der sich rumgetrieben hat, und nur ein anderer junger Weißkittel, zweiter Monat auf Station, hält sich aus allem raus, Name egal. Plötzlich zwei Notfälle, Verkehrsunfall, kleines Kind und alte Frau. Die schieben beide rein, auf beiden die Sanis und Notärzte drauf, drücken sich ‘nen Wolf. Ich auch erst bei der Frau, dann Alarme, Anna, ich und Weißkittel zum Kind rein, Chaos. Kind schafft’s, alte Frau nicht.”

“Oh Gott. Das würde mich auch mitnehmen”, sage ich.
Kathrin schaut mich an, schweigt einen Augenblick. Selbst, als sie an ihrer Zigarette zieht, lässt sie mich nicht aus den Augen.

“Bis dahin war alles sehr gewöhnlich”, sagt sie, und ich kann in ihrer Stimme hören, dass sie weiß: Ich ahne nicht, was sie jetzt erzählen wird, vielleicht werde ich es wirklich nicht ertragen. Aber das kümmert sie nicht.

“Die Sache ist also erledigt, die Angehörigen der Frau schon auf dem Weg, da seh’ ich, wie Anna eine der Lampen in das Zimmer schieben will, in dem die Frau liegt. Ich seh’, wie sie in der Tür stehenbleibt, Lampenstange in der Linken, Laken unter dem rechten Arm. Sie steht einfach da und bewegt sich nicht.
Ich also zu ihr hin, da hab’ ich’s schon geahnt, und tatsächlich: Die Frau lag da noch genau so. Ganz schief, alles chaotisch. Als die Alarme beim Kind losgegangen sind, sind einfach alle weg von der Frau, war ja schon tot, und hin zum Kind. Und da haben wir die Frau ganz vergessen, dass sie noch so da lag.
Ich also an Anna vorbei, die einfach nur gestarrt hat, hin zur Frau, die schon langsam steif wurde. Alter Schwede. In dem Moment höre ich Stimmen auf’m Gang, ihre Angehörigen, vielleicht dreißig Schritte entfernt von mir, und da hab’ ich die Frau zurechtgebogen, alles zurechtgezogen, so gut und schnell ich konnte. Und Anna stand nur da, wie erstarrt. Ich hab’ ihr das Laken unterm Arm rausgerissen und die Frau bisschen zugedeckt, und dann hab’ ich Anna mitsamt Lampe über den Gang in den Geräteraum geschoben und die Tür zugemacht, gerade noch rechtzeitig. Der junge Weißkittel war verschwunden, typisch, also bin ich mit den Leuten zu der Frau.

Als ich dann die Tür schloss, damit die Leute in Ruhe Abschied nehmen konnten, höre ich Geräusche aus dem Geräteraum.” Kathrin schluckt. “Ich mach’ die Tür vorsichtig auf, schau’ rein — da steht die Süße noch immer da, im Dunkeln, und das Licht vom Gang scheint an mir vorbei auf ihren Rücken, und mit der linken Hand hält sie die Lampe fest, die ich kurzerhand mit rein geschoben hab. Sie steht da, mit hängendem Kopf, und weint.” Sie schweigt. Das Ticken der großen Wanduhr, die immer fünf Minuten vor geht, ist das einzige Geräusch.
“Ich überlege also, was ich nun tun soll, in welcher Reihenfolge, da spüre ich Bewegung hinter mir. Ich drehe mich um. Es ist einer der Angehörigen der Frau, ihr Sohn, der etwas zu suchen scheint und auf den Weise zuläuft, der inzwischen wieder aufgetaucht ist und den Flur entlangläuft. Und dann sehe ich, wie der Weise diesen Mann bemerkt, wie er auf ihn zu läuft. Und in dem Moment, als der Weise an dem Mann vorbeiläuft, fast gleitet, nicht stehenbleibt, obwohl dieser die Hand hebt und den Weise sogar leicht am Arm berührt und Entschuldigung sagt … da war dieser Mann der einsamste Mensch auf der ganzen Welt. Und Anna auch. Und ich. So, als würden wir alle in einem anderen Land leben, in dem sonst keiner wohnt. Weißte, manchmal kommt alles so zusammen, und dann verschmelzen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem Moment, der ewig zu dauern scheint.”

“Darüber reden … tut bestimmt … gut. Auch dir”, stammele ich mehr als ich sage.
“Anna braucht das. Ich nicht. Deswegen hat sie mir die SMS heute Morgen geschrieben. Und nicht ich ihr.”
“Ich verstehe”, sage ich.
Die Zigarette ist ohne einen weiteren Zug verglüht und hat sich in einen grauen Bogen aus Asche verwandelt. Kathrin drückt sie langsam in ihrem alten Aschenbecher aus und schaut mich an.

“Was wollte denn der Sohn der Frau?”, frage ich.
“Wissen, wie das geht mit der Pietät. Bin selbst hin und hab’ ihn gefragt. Er hat so leise gesprochen, dass ich ihn nur deshalb verstanden habe, weil ich eigentlich schon wusste, was er will. Alle, die so hilflos wie er über’n Flur laufen, wollen diese Frage stellen.”
“Pietät”, wiederhole ich. Kathrin weiß, dass das keine Frage ist.
“Alles ok, Blumenkind?”, fragt sie und lächelt.
“Klar”, lüge ich, wische mir eine Träne aus den Augen und denke an zittrige Handschriften, an Lena und daran, dass ich Kathrin seit damals nicht mehr habe weinen sehen, kein einziges Mal, Daran, dass ich das Wort “Pietät” seitdem nicht mehr gehört habe.

“Ich geh’ dann mal”, sage ich und erhebe mich vom Küchentisch.
Die Wohnung ist klein, der Flur kurz.
“Morgen Abend um sechs bei Mama?”, frage ich, als wir an der Tür stehen und schaue an Kathrin vorbei, auf das Foto von Lena, wie sie zwischen meinen Sonnenblumen steht. Da muss sie sechs oder sieben gewesen sein. Im Spiegel der Kommode daneben kann ich das Poster sehen, das schräg hinter mir an der Wand hängt. FUCK IT steht darauf, in Blockbuchstaben. Sonst nichts.
“Könnte halb sieben werden, je nachdem wie schnell ich von Station wegkomme”, antwortet Kathrin. “Und Mama soll bloß nicht denken, ich würde noch mal bei diesem Weihnachtsgedichtskram mitmachen. Dein Junior kann gerne meinen Part übernehmen. Das letzte Mal war schon ein Mal zu viel”, lacht sie, und ich sage, “Mein Junior wird bald 16, er kann sich inzwischen auch schon was Besseres vorstellen”, und, “Ich fahre vorher nochmal zu Lena, bisschen winterfest machen”, und dann lacht sie nicht mehr, sondern kneift die Augen zusammen und sagt, “Komm bloß nicht wieder auf die Idee, da irgendso ein Zeug drauf zu pflanzen wie letztens. Verwelkt bloß, und dann muss man’s wieder rausreißen. Sinnloses Gepflanze immer.”

Heiligabend ist verlaufen wie Heiligabend immer verläuft. Essen, Geschenke, Plätzchen. Mama hat ihren Weihnachtsgedichtskram natürlich doch bekommen, wie jedes Mal, und auch Kathrin hat eines vorgetragen, wieder ein grenzwertiges, selbstgedichtetes, wie jedes Mal. Spät am Abend haben wir die erste Flasche Wein geöffnet, schon kurz darauf die zweite, und als Mama immer ruhiger wurde, ist Kathrin schlafen gegangen. Wie jedes Mal.

Mein Sohn schläft in Papas ehemaligem Arbeitszimmer, Kathrin und ich in unserem alten Kinderzimmer, in dem sogar noch die Nils-Holgersson-Tapete an der Wand klebt. Als ich vorhin ins Bett ging, hat sie schon geschlafen, mit dem Rücken zur Tür, wie früher, wie immer. Ich bin jetzt 48, doch wenn ich an Heiligabend dieses Zimmer betrete und Kathrin sehe, wie sie da liegt, so, wie sie immer da gelegen hat, bin ich plötzlich wieder ein Kind. Manchmal verschmilzt die Zeit wirklich für einen Augenblick.

Meine Blase weckt mich mitten in der Nacht. Mit traumwandlerischer Sicherheit, die man sein ganzes Leben lang nicht verlernt, taste ich mich durch den Flur zum Badezimmer. Das Geräusch der Toilettenspülung zerreißt die Stille. Ich stehe einige Zeit auf dem dunklen Flur, um zu hören, ob ich jemanden geweckt habe, und mache mich dann beruhigt auf den Weg zur Küche. Ich öffne den Kühlschrank, als ich ein Geräusch höre, aus der Ecke, da, wo der große Küchentisch steht. Meine Augen gewöhnen sich rasch an die Dunkelheit, die vom Kühlschranklicht ein wenig erhellt wird.

“Kathrin?”, frage ich und schließe die Tür. Das einzige Licht fällt nun durch das große Fenster, und es ist heller als erwartet. Es muss geschneit haben.
“Was machst’n mitten in der Nacht hier einsam und allein? Auch Hunger?”, und während ich das sage, sehe ich schon, dass da kein Teller vor ihr steht. Stattdessen ein Glas Wein, das schon fast leer ist. Sie sitzt da, mit gesenktem Kopf, und hält das Foto, das sonst im Wohnzimmer auf dem Kamin steht, in den Händen.
Sie weint.

“Kathrin”, sage ich, mehrmals, und Dinge wie, “es ist gut”. Was man halt so sagt, wenn man nicht weiß, was man sagen soll, wenn man nicht weiß, was hilft, man aber helfen will, und dann weiß ich nichts anderes zu tun, als mich zu ihr zu setzen; so nah, dass sie mich berühren kann, wenn sie will.
Eine Zeit lang sitzen wir einfach da, und das einzige Geräusch ist Kathrins leises Schluchzen. Ich schaue aus dem Fenster. Es hat wieder begonnen zu schneien, dicke Schneeflicken schweben durch die Luft, und ich denke an das Knirschen meiner Sohlen im Schnee, gestern Nachmittag, als ich zu Lenas Grab gegangen bin – da hebt Kathrin den Kopf, zieht die Nase hoch, nimmt meine Hand und schaut mich an.
In ihrem Blick liegt etwas, das ich lange nicht mehr gesehen habe, und so hebe ich meine Hand, streichle ihr über das Haar, und sie lässt es zu.

“Woran denkst du?”, frage ich, doch sie antwortet nicht. Sie schluchzt leise weiter und wischt sich hin und wieder die Tränen weg.
“Diese Blumen”, sagt sie plötzlich, “die Sonnenblumen, die du bei Lena gepflanzt hast, kommen die wieder? Im Frühling?”
“Ja”, sage ich, ” immer wieder.”
„Dann ist gut“, flüstert sie.
Und dann schweigen wir.

Was sagst Du dazu?