Sophiaphilie
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Die Kassiererin in dir

D

as Schlimmste ist das Gefühl, das mir meine Umwelt gerade gibt: das Gefühl, keine Zeit zu haben, nicht bremsen zu dürfen, weiterhetzen zu müssen. Nicht durchatmen zu dürfen. So, als zähle der Mensch in mir gar nicht — wo wir schon beim Thema wären, denn:

Ich zähle tatsächlich nicht.
Niemand tut das.

Der Kapitalismus weiß nichts von Einzelschicksalen. Im Kapitalismus zählt nur Wachstum. Der Kapitalismus operiert mit Worthülsen. Selbstverwirklichung. Besser werden. Er weiß nichts von der Schneiderin, die von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang Hosen kürzt, sechs Tage die Woche. Er sieht die Kassiererin nicht, die seit 30 Jahren von Unternehmen an Unternehmen vererbt wird, und deren Gefühl der Wertschätzung inzwischen nur noch davon abhängt, ob der Kunde es ihr bewundernd anerkennt, dass sie sich daran erinnert, dass er keine Kundenkarte hat, auch keine will, jedes Mal. Der Kapitalismus weiß nichts davon, dass ihr „Sehen Sie, ich habe daran gedacht“ dann ein Gefühl ist, das fast greifbar im Raum steht, auffordernd, bettelnd, und er weiß auch nicht, dass ihr Wertgefühl vom immer gleichen Ritual abhängt. „Wie Sie sich das immer merken können“, muss man dann sagen; mindestens lächeln und ihr in die Augen schauen. Irgendetwas tun, damit sie weiß, dass sie, der Mensch, tatsächlich da ist, einen Unterschied macht in dieser stumpfen, abstumpfenden Gleichsinnigkeit, die sie „Arbeit“ nennt.

Kapitalismus weiß nichts vom Menschsein. Kapitalismus weiß nichts von Wertgefühl, nichts von Sinn. Kapitalismus rechnet bloß, kalkuliert, stumpf und kalt. Kapitalismus ist digital. Aber der Mensch nicht. Der Mensch ist warm und analog, wie eine Schallplatte. Er knistert und klingt voll und satt an Gefühl und Wünschen und Träumen. Der Mensch braucht Sinn, den ihm der Kapitalismus nicht geben kann — weil er es nicht will, nicht braucht, denn das Menschsein ist für ihn überflüssig. Doch das Menschsein muss irgendwo hin, und so suchen wir uns einen Sinn, so unbedeutend er auch erscheinen mag, damit wir merken, dass wir noch leben, damit die Anderen sehen, dass wir zu etwas fähig, etwas Besonderes, kein digitales Automaton, sind.

Der Kapitalismus weiß nichts vom Wunsch des Menschen danach, wahrgenommen zu werden. Wahrgenommen werden zu müssen.

Mein Einkauf endet jedes Mal mit dem Menschseinsritual der Kassiererin, bei dem sie mich in Wahrheit etwas fragt. „Siehst du mich?“, fragt sie mich eigentlich, „Ich bin hier“, sagt sie ohne Worte. Dann muss ich sagen, „Ja, ich sehe dich“, und das ist alles. Mehr Sinn ist da nicht im traurigsten Moment meines Tages. Ich fliehe dann, so schnell ich kann — und hoffe, dass ich niemals diese Kassiererin sein werde.

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