Kurzgeschichten
Kommentare 4

Die Geschichte von dem Tag, an dem ich demonstrieren wollte

D

ie Busse kommen hier nicht mehr durch“, schreibt meine Freundin, die schon am Staatstheater steht, als ich noch ungeduldig auf meinen Bus warte. Kurze Zeit später dann ihr Video: Hunderte Frauen, Männer, Kinder, Jung und Alt, versammelt auf dem Gutenbergplatz, singen aus vollem Herzen „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten. Sogar ein Hund bellt mit, man hört wohlwollendes Lachen, und tatsächlich: Im Hintergrund sieht man ihn, auf der Lu, ein Bus, blockiert von der friedlich und eindrucksvoll singenden Menge. Ein Flashmob gegen Rassismus, für eine bunte Welt, mitten aus dem Volk. Das ist mein Deutschland, da will ich hin, und wenn mein Bus nicht irgendwo steckenbleibt, schaffe ich es auch rechtzeitig zur im Anschluss angekündigten Demo, von der noch keiner so richtig weiß, wie sie verlaufen wird, aber das ist mir ausnahmsweise egal.

Die letzten Wochen waren anstrengend. Die Meinungsbekundungen in den sozialen Medien wurden immer radikaler, sowohl von rechts als auch von links. Extremistische Aussagen werden wieder salonfähig, der Zweck scheint so langsam wieder jedes Mittel zu heiligen. Doch wie sagt meine Großmutter immer? Alle in einen Sack, mit’m Knüppel drauf, trifft immer die Richtigen, und sie hat recht, bildlich gesprochen. In der Realität möchte ich nämlich — im Gegensatz zu den Herrschaften im Internet — niemanden schlagen. In der Realität möchte ich auch Parolen weder hören noch schreien, das bringt nichts. Stattdessen möchte ich einfach nur — reden. Oder eben gerne auch singen, aber dazu bin ich ja nun zu spät.

Als ich am Theater ankomme, ist es erstaunlich leer. Vielleicht 200 Menschen sind da, und man sieht ihnen an, dass sie auch nicht so recht wissen, was nun ist. Das wisse selbst die Polizei nicht, sagt meine Freundin, die ich inzwischen mit Körpereinsatz aus dem „Stadtbalkon“ zu mir herunter gewunken habe. Nur eine Sache ist gerade sicher: Die Musik, die von der Ladefläche des irgendwie bereitstehenden Lasters plärrt, ist laut, mit scheppernden E-Gitarren, und sehr, sehr links. Ich schaue mich um. Meine Mitdemonstranten sind nicht mehr die, die hier noch vor einer Stunde gesungen haben. Die Familien, die Kinder, die Farben sind weg. Stattdessen schwarze Jacken, schwarze Kapuzenpullis, schwarze Fahnen, Tarnhosen, kniehohe Schnürstiefel. Irgendein schwarzes Antifa-Logo prangt zwischen den Lautsprechern hervor, aus denen nun die Stimmen der Organisatoren dröhnen und die vertrauten Parolen der radikalen Linken aus den sozialen Medien auf die Straße tragen. Die Reden hören nicht auf. Wir halten das einige Zeit aus, fünf, zehn, fünfzehn Minuten. Als der Redner dann ein „Deutschland, ich hasse dich!“ brüllt und die schwarze Menge klatscht, finden wir, es sei Zeit, meinen leeren Kaffeebecher in einen weiter entfernten Mülleimer zu werfen und das Schauspiel von dort aus zu betrachten. Wir setzen uns, meine Freundin gibt mir Feuer. Nikotin beruhigt ja bekanntermaßen, und das weiß auch der Mann, der plötzlich aus dem Nichts auftaucht und auf den freien Platz neben mir zeigt.

Irgendwie rechnet man immer mit allem, nur nicht mit Nazis. Und die, die sich offensiv so bezeichnen, entpuppen sich am Ende meist als traurige Menschen, die das Leben irgendwann gebrochen hat. Sie tragen die Bezeichnung, die Symbole, wie ein Schutzschild vor sich her. Manche lassen sie sich sogar in die Haut tätowieren. So, als bräuchten sie etwas, das sie daran erinnert, dass man ihnen nichts anhaben kann, wenn sie nur oft genug darauf schauen und die Worte „Volk“, „Ordnung“, „Ehre“ und „Treue“ laut sagen, immer wieder, in jedem Satz. Und es wirkt, nicht nur bei ihnen selbst. Oder vielleicht sollte man sogar sagen: vor allem nicht nur bei ihnen selbst.

Darf ich mich auf eine Zigarette zu euch auf die Bank setzen?“, fragt der Mann, der ein Päckchen Tabak in der linken Hand hält und der später sagen wird, er heiße Jürgen. Wir zögern beide lange genug, so dass ich weiß, dass auch meine Freundin ahnt, was kommt, wenn wir nun Ja sagen.
„Klar, warum nicht“, sagen wir fast unisono. Jürgen setzt sich neben mich, ohne uns aus den Augen zu lassen. Fast könnte man meinen, er hätte nicht mit einem Ja gerechnet. Er trägt Gartenclogs und uralte, ausgeleierte Socken, und ich frage mich, ob er nicht zu dünn gekleidet ist.
„Ich bin schon viele Jahre obdachlos“, sagt er dann und hebt seine Füße, um mir seine Schuhe, die ich ja schon längst gesehen habe, zu zeigen, wie zum Beweis. Als er mir ein paar Münzen zeigt, die er umständlich aus der rechten Tasche seiner Jogginghose geholt hat, rieche ich seine Fahne. Das habe er sich heute zusammenschnorren können, es reiche schon für einen Döner, sagt er, und ich bin fast froh, dass er nun also direkt zum Punkt kommt.
„Du hast nicht zufällig einen Euro für mich?“, fragt er, und ich denke, Nein, ich habe nur zwei Euro, und fast kann ich Nein sagen, aber Jürgen schaut mich an. Und wie jedes Mal, wenn mich jemand nach etwas Kleingeld fragt, kann ich nur so lange verneinen, wie ich es schaffe, mir nicht vorzustellen, wie es sein muss, sich zu überwinden und einen wildfremden Menschen darum zu bitten und dann abgelehnt zu werden. Das muss schnell gehen, ich darf nicht nachdenken, bloß nicht fühlen, schnell weitergehen. Aber Jürgen sitzt neben mir, mit seinem Tabak, seiner Fahne und seinem Blick. Ich gebe ihm die Münze, meine Freundin auch.
„Aber auch wirklich Döner davon kaufen, ne“, sage ich und ziehe die Augenbrauen hoch. Um ihn ansehen zu können, muss ich schräg nach hinten schauen; lehne ich mich zurück, wird Jürgens Hand wie nebenbei mein Knie berühren, mindestens, das weiß ich. Er schaut auf die Münzen, zu mir, zu meiner Freundin, wieder zu mir, und sein Blick erinnert mich an den jenes Mannes, dem ich vor vielen Jahren beim Abkassieren sagte, er solle lieber richtiges Fleisch statt diesem Proteinpulver kaufen, das sei gesünder, er es auch auf der Stelle tat und mich dann fragte, ob ich ihn heiraten würde.

Ich habe viele Fehler gemacht in meinem Leben”, sagt Jürgen und schaut zu, wie wir unsere Sachen packen.

Doch Jürgen macht mir keinen Heiratsantrag. Stattdessen stammelt er.
„Ihr seid … ihr seid so …“, sucht er nach Worten, und wir lächeln, weil er nicht ausspricht, was er denkt. „Besonders du“, betont er dann und schaut mir fest in die Augen. Ich frage mich, ob er überhaupt schon ein Mal geblinzelt hat, seit er hier sitzt. „Du hast so … so schöne … so schöne …“, und während er das Wort endlich ausspricht, springt sein Blick auf sie, „Ohren!“
Das Lachen explodiert aus mir heraus, auch meine Freundin kann sich nicht halten.
„Ich habe jetzt damit gerechnet, dass du Augen sagst“, lacht sie, während Jürgen weiter auf meine Ohren starrt, sie nun wiederholt mit einem entschlossenen „Boah!“ kommentiert und ich mich wundere, was Alkohol manche Menschen sagen lässt. Er aber lächelt und verkündet, wir seien beide toll. Was das denn hier für eine Demo sei, fragt er dann. Gegen Rassismus, erwidere ich — und schon während er gefragt hat, habe ich ihm angesehen, dass er die Antwort schon kennt.
„Gegen Rassismus also“, sagt er bedächtig, zieht seine Kappe ab und legt raspelkurz geschorene Haare frei. Sein Blick sagt, dass er zu wissen glaubt, was ich jetzt sagen werde.
„Das sagt gar nichts“, mache ich ihm einen Strich durch die Rechnung, „ich habe mir die Dinger auch schon oft auf ein paar Millimeter runterrasiert.“ Anscheinend reicht die Frisurdemonstration sonst aus, denn er scheint für einen Augenblick irritiert zu sein. Da fällt ihm ein, dass er ja noch ein Ass im Ärmel hat, im wahrsten Sinne des Wortes.
„Hier.“ Er rollt den linken Ärmel seiner Jacke hoch. Ich habe eine leise Ahnung davon, was er mir nun zeigen wird. Der Arm ist mit Tätowierungen übersät. Man muss genau hinsehen, damit man das, wofür er sich hält, auch erkennen kann. Ich sehe das Anarchozeichen noch vor dem SS.
Jürgen strahlt mich so gut er kann aus seinen trüben blauen Augen an, sagt mehrfach etwas, in dem das Wort „Landser” vorkommt, und seufzt dann, weil ich ihn nicht verstehe. In dem Moment, als der Demozug sich endlich in Bewegung setzt, sagt er, „Mein Opa war ein SS-Offizier“ und lächelt.
„Aha”, sage ich und blinzle nicht.

Ich hatte früher einen Kollegen, dessen erste Worte an mich eine Frage waren.
„Stivaktakis“, las er von meinem Namensschild ab, „ist das ein griechischer Name?“
„Ja, kretisch“, antwortete ich, und seine Augen begannen zu strahlen. Die nächsten Minuten erklärte er mir dann, weshalb ich blaue Augen hätte, das läge nämlich an den Deutschen, genauer gesagt an seinem Großvater, der 1941 als Wehrmachtssoldat auf Kreta landete und dort — ich zitiere — gute deutsche Gene verbreitet hätte. Dieser Kollege, der ständig Begriffe wie Wehrkraftzersetzung und Endkampf verwendete, fest an die Rückkehr nationalsozialistischer „Werte“ glaubte und Hitler herbeisehnte, sollte später der beste Freund werden, den ich jahrelang hatte.
Es war nicht einfach. Ich erinnere mich nur zu deutlich an tage- und nächtelange, zermürbende Gespräche über Rassismus und Genetik, Flugscheiben und Reichsbürgerschaft, Deutschsein und Nationalstolz, unsere Elternhäuser, unsere Väter, Zucht und Ordnung, Gefühlskälte, Strafen. Ich erinnere mich daran, dass wir manchmal stundenlang nicht mehr miteinander geredet haben. Ich erinnere mich daran, wie ich manchmal an das schreckliche Bild eines kretischen Partisanen, der einem deutschen Fallschirmspringer mit einer Sichel den Hals durchschnitt, dachte, das in der Berghütte meines Großvaters hing. Ich erinnere mich, wie ich mir manchmal wünschte, dass dieser Soldat der Großvaters meines Kollegen hätte sein sollen und ich es nicht schlimm fand.
Doch ich erinnere mich besonders an zwei Momente.
Daran, wie dieser Kollege mich dann eines Tages ansah und sagte, „Irini, ich passe auf dich auf und du auf mich.“ Daran, wie er mich nach Jahren leise fragte, ob ich ihn vielleicht ein Mal in den Arm nehmen könne, „nur ganz kurz“. Und ich es tat.

Ich blicke abwechselnd auf Jürgens SS- und Anarcho-Tattoo.
„Du hast dir echt SS tätowieren lassen?“, frage ich und lehne mich ein Stück zurück, um ihn besser ansehen zu können, „und direkt daneben das Anarchoding?“ Ich muss lachen. Meine Freundin nicht.
„Ja“, sagt Jürgen, „aber ich bin auch für das Welcome!“ Er legt seine rechte Faust, die noch immer fest die Münzen hält, auf seine Brust und schaut mich ernst an. „Ich bin für Welcome. Für alle.“ Der Demopulk zieht nun langsam vom Gutenbergplatz. Ich schaue meine Freundin an und sie nickt. „Ich habe viele Fehler gemacht in meinem Leben“, sagt Jürgen und schaut zu, wie wir unsere Sachen packen, „viele Fehler habe ich gemacht.“ Ich stehe langsam auf. Es heißt, Betrunkene und kleine Kinder würden immer die Wahrheit sagen. Ob das stimmt, werde ich wohl nie herausfinden.
„Die Demo geht los, Jürgen”, sage ich und merke, dass er das inzwischen ganz vergessen hat. Ob ich ihm zum Abschied einen Kuss auf die Wange geben möchte, fragt er. Nein, das möchte ich nicht. Wir sollen auf uns aufpassen, sagt er, als wir schon gehen, und wir lächeln ihm zum Abschied zu.

Wir trotten am Ende der Demo langsam vor uns hin. Ich schaue nach vorne, versuche über den schwarzen Pulk hinweg zu sehen und kann nur an Jürgen und seine Tätowierung denken. An den Fistbump, den er mir zwischendrin gegeben hat. Daran, dass er für „Welcome”, wie er es nennt, ist, für alle. Daran, dass er Fehler gemacht hat.
Alles an dieser Demo stört mich plötzlich. Und nicht nur mich.
„Wir könnten theoretisch jetzt auch hier nach rechts gehen und stattdessen einfach einen Kaffee trinken“, sagt meine Freundin auf diese ruhige Art, die die ihre ist.
„Gute Idee“, sage ich, und keine Minute später sitzen wir am Schillerplatz, unter einem Heizstrahler, der sein Bestes gibt, warten auf Tee und Kaffee — und während wir uns eine Zigarette drehen, denke ich an das Päckchen billigen Tabak in Jürgens linker Hand, und ich frage mich, wie es sich wohl anfühlt, wenn er mir von seinen Fehlern erzählt.

4 Kommentare

    • Irini Stivaktakis sagt

      Danke!
      Und wo ich schon mal beim Danken bin: Bis heute hatte ich noch nie etwas von Knausgård gehört. Dann lud ich mir eine Leseprobe des ersten Bands runter, las den ersten Satz — und da war es schon um mich geschehen.

      Vielen Dank für diesen Tipp!

Was sagst Du dazu?